AMEN / DER STELLVERTRETER (F, 2002) 

Seit Mai 2002 war der neueste Film von Constantin Costa-Gavras auch in den deutschen Kinos zu sehen. In dessen Mittelpunkt steht eine der widersprüchlichsten Persönlichkeiten des deutschen Widerstandes: Kurt Gerstein, 1905 im westfälischen Münster geboren, 1945 im Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi erhängt aufgefunden - Diplomingenieur, Bergassessor, zeitweise Mitglied der NSDAP, Bekennender Christ, Leiter der evangelischen Schülerbibelkreise und SS-Offizier. 

 

Mühe und Tukur

Ulrich Mühe ("Doktor") und Ulrich Tukur ("Gerstein")

Tukur

Ulrich Tukur (Gerstein)

 

Costa-Gavras hat Rolf Hochhuths "Stellvertreter" verfilmt, aber auch eben nicht so ganz: Anders als im Theaterstück von 1963 - damals heftig umstritten wegen des Angriffs auf Papst Pius XII., dem sein Schweigen angesichts des Holocaust zum Vorwurf gemacht wurde - steht hier noch mehr die Peson Kurt Gersteins im Mittelpunkt des Films, gespielt von Ulrich Tukur. Eindrucksvoll auch Matthieu Kassovitz als Pater Riccardo, aber doch in die zweite Reihe verbannt, anders als im Stück "Der Stellvertreter" ist ja doppelt zu verstehen - als Versagen des Papstes als Stellvertreter Christi auf Erden und der freiwillige Opfertod des jungen Priesters Riccardo, der stellvertretend für seine Kirche mit den Juden ins Gas geht. Costa Gavras geht mit der Betonung der Rolle Gersteins einen eigenen Weg: zwischen Hochhuths Trauerspiel und der authentischen Biographie Gersteins.

 

Es war ja Hochhuth gewesen, der eine deutschen Öffentlichkeit überhaupt erst wieder mit dem Namen Gerstein bekannt machte auf der Grundlage eigener Recherchen. Zwei französische Biographien folgten: Saul Friedländers "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten" (1967, dt. 1968) und Pierre Joffroys "Der Spion Gottes. Die Passion des Kurt Gerstein" (1971, dt. 1972, erw. Neuauflage 1995). Erst 1999 erschien dann die erste wissenschaftliche deutsche Biographie: Jürgen Schäfers "Kurt Gerstein - Augenzeuge des Holocaust". Und die im April 2000 in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand vom Landeskirchlichen Archiv Bielefeld erarbeitete und vom Förderkreis Kurt Gerstein unterstützte Ausstellung "Kurt Gertein - Widerstand in SS-Uniform" gab auf 20 Tafeln und im Begleitkatalog ein anschauliches Lebensbild dieses ungewöhnlichen und umstrittenen Mannes. Und so passt es in die Rezeptionsgeschichte Gersteins, dass es wieder eine französische Produktion und ein in Paris lebender Exilgrieche sind, die diesen Stoff verfilmen, aber es darf wohl als Glücksfall bezeichnet werden, dass kein deutscher, sondern ein international renommierter Regisseur wie Costa-Gavras (Z, Das Geständnis, Der unsichtbare Aufstand, Missing, Betrayend - Verraten, Music ...) sich dieses Themas angenommen hat.

 

Es ist spannend zu sehen, wie Costa-Gavras, der "Erfinder des Polit-Thrillers", den Grundkonflikt in Gersteins Leben darstellt: Wie gelangt ein Mitglied der Bekennenden Kirche, zweimal wegen verbotener Propaganda für den kirchlichen Widerstand und Betätigung in der Bibelarbeit mit Jugendlichen verhaftet, deshalb aus dem preußischen Staatsdienst und der NSDAP entlassen, in eine führende Position der Waffen-SS und erreicht damit genau das, was er sich beim Eintritt in die SS (1941) vorgenommen hat: einen Blick in die "Feueröfen des Bösen", die Massenvernichtungsanstalten der Euthanasie und des Holocaust zu tun. Gerstein hat den industrialisierten Judenmord in Belzec und Treblinka 1942 mit eigenen Augen gesehen und 1945 seinen berühmten Bericht darüber geschrieben, aber schon vorher internationale Diplomaten, deutsche Kirchenführer und über den holländischen Widerstand London informiert. Er hat auf eigene Rechnung das Giftgas Zyklon B bestellt, die Lieferungen dann aber umgeleitet oder unschädlich gemacht. Information über die Gräuel in den Vernichtungslagern, Sabotage von Zyklon B-Lieferungen – das war Gersteins Beitrag zum Widerstand – neben seiner Tätigkeit (und begünstigt dadurch) als Leiter der Desinfektionsabteilung im Hygiene-Amt der SS. Diese Rolle hat er bis Kriegsende durchgehalten – verzweifelt über  die Untätigkeit der Alliierten angesichts des Holocaust, er in französischer Kriegsgefangenschaft  ist er zerbrochen, weil niemand ihm und seinem Bericht glaubte und er selbst als Kriegsverbrecher angeklagt wurde. So wählte er den Freitod - ein tragisches Schicksal, suchte man doch schon nach ihm als Zeuge für den Nürnberger Prozess: "Dieser Widerstand kann erschüttern, aber kann erschütternd wenig bewegen und deshalb nicht viel verhindern" - so Prof. Dr. Peter Steinbach, der wissenschaftliche Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Gerstein einen "Einzeltäter im Dilemma des exemplarischen Handelns" genannt hat.

 

Ein Leben "auf des Messers Schneide" - so Gerstein selbst. Der "Stellvertreter"-Film wirft nun endlich ein neues Licht auf Deutschlands bisher wohl unbekanntesten, aber nicht unwichtigsten Widerstandskämpfer: einen Mann, der aus tiefster Glaubensüberzeugung heraus handelte und sich von Gott geführt wusste - wie sonst hätte gerade er das Unwahrscheinliche, das er sich vorgenommen hatte, erreichen können: als Christ in der Uniform der Mörder Zeuge der Verbrechen an den Juden zu sein.

 

(Prof. Dr. Bernd Hey)

 


Aus der Filmankündigung:

 

Zwei Systeme: die Nazi-Maschinerie . . . die Diplomatie des Vatikans und der Alliierten. Zwei Männer kämpfen von innen.

Der eine ist Kurt Gerstein (gespielt von Ulrich Tukur). Der Offizier der Waffen-SS, von Beruf Chemiker, versorgt die Konzentrationslager mit Zyklon B. Gleichzeitig prangert er unermüdlich die Verbrechen an und macht die Alliierten, den Papst, die Deutschen und ihre Kirchen auf sie aufmerksam – auf sein persönliches Risiko hin und das seiner Angehörigen.


Der andere ist Ricardo (gespielt von Mathieu Kassovitz), eine fiktive Figur. Der junge Jesuit steht hier für all jene Priester, die den Mut besessen haben, gegen die Barbarei zu kämpfen, und die dies nicht selten mit ihrem Leben bezahlen mussten. Er steht für die zahllosen Männer der Kirche - einige wurden bekannt, andere blieben anonym -, die sich einfach nicht mit dem Schweigen der Kurie abfinden wollten.


Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man der Ethik den Vorrang vor der Selbsterhaltung einräumen muss?


Kurt Gerstein wusste dies und wollte es die ganze Welt wissen lassen. Der Film macht denen den Prozess, die wussten und schwiegen.

 

 

 

 

Filmkritiken:

http://www.filmz.de/film_2002/der_stellvertreter/links.htm

 

Kleine Presseschau:

 

FAZ

 

Le Figaro

 

Neue Westfälische Bielefeld

 

Links:

 

Der WDR-Kulturweltspiegel im April 2002 zum Film: http://www.wdr.de/tv/kulturweltspiegel/20020428/4.html 

 

Infos von Moviefolio (Such- und Diskussionsplattform für Filme): http://www.moviefolio.com/movies/Amen_2002.cfm